ARCHITEKTUR IN OSTFRIESLAND

Giebelhäuser im Fischerdorf Greetsiel

Ostfriesenwitze. Nordsee, Strand und Inseln. Schafe und Kühe. Wind. Das ist Ostfriesland. Na ja, natürlich nicht ganz. Das wäre nicht nur zu einfach, sondern auch ziemlich langweilig und oberflächlich.  Eine der vielen Besonderheiten ist für mich die Architektur. Ich mag roten Backstein! Und davon gibt es in Ostfriesland eine ganze Menge - ohne dabei monoton zu sein, was vielleicht auch daran liegt, dass Backsteinhäuser nur einen Teil der vielseitigen Gebäude ausmachen.

 

Leuchttürme, Mühlen, Bäderarchitektur

 

So wie Leuchttürme. Sie gehören zur Küste wie Ebbe und Flut. Keiner sieht wie der andere aus und besonders auffällig ist der rot-gelb geringelte kleine Turm auf'm Deich in Pilsum. Er liegt so malerisch vorm Wattenmeer, dass es kein Wunder ist, dass er im Otto-Film "Der Außerfriesische" cineastisch verwigt wurde.

 

Mühlen spielen im landwirtschaftlichen Ostfriesland auch eine große Rolle. Fast 200 Mühlen gab es einst in der Region. Inzwischen gibt es nur noch etwa die Hälfte. Viele sind liebevoll gepflegte, museale Touristenattraktionen, andere stehen leer oder haben eine gänzlich neue Funktion bekommen. Manche werden aber auch noch betrieben, wie die Mühle Erks in Friedeburg.  

 

Zwar nur noch ein kleiner Teil, aber immerhin noch vorhanden, ist die Bäderarchitektur.  Nicht ganz so opulent wie an der Ostsee, aber mit genauso viel Charme, gibt es auf Norderney herrliche Holz-Veranden.  Und auch der Kurplatz des ersten deutschen Nordseebades versprüht diese nostalgische Aura.

 

Veränderungen der traditionellen Architektur

 

Es hat zwar Verluste gegeben, aber Ostfriesland konnte sich seine Ursprünglichkeit bewahren. Irgendwie. Denn es gibt weiterhin Veränderungen, die für die traditionelle Bauweise nicht eben gut sind. Das fing bereits in den 1960ern an, als Hochhäuser auf Norderney gebaut und alte Bausubstanzen abgerissen wurden. Und es ist noch heute so.

 

So las ich vor einer Weile in der F.A.S. Jan Brandts Artikel* über den alten Gulfhof seines Großvaters in Ihrhove, Ostfriesland. Erbaut 1863. Abriss 2017. Der Autor hätte den Hof gern gekauft, aber wie immer: das Geld ist das Problem.  In seinem Artikel schildert er die Veränderungen in seinem ostfriesischen Dorf.  Statt der Schmiede von 1880 gibt es nun einen Parkplatz. Statt des Hofes von 1922 steht nun ein Aldi-Markt. Gebaut 2010/2011. Nur zwei Beispiele, die exemplarisch für ganz Ostfriesland sind und im Endeffekt auf viel zu viele Landstriche zutreffen.

 

Architekturensemble in Norden

 

Noch ein Beispiel zu diesem Immobilienwahnsinn. In der ostfriesischen Stadt Norden gibt es zwei Haupteinkaufsstraßen: Osterstraße und Neuer Weg. Restaurants, Cafés und Geschäfte - die üblich bekannten genauso wie individuell geführten - sind in den architektonisch abwechslungsreichen Straßenzügen untergebracht. Problem: Leerstand im Neuen Weg. Schon viel zu lange. Trotzdem wurde vor einigen Jahren, keine 300 Meter weiter, ein Einkaufszentrum gebaut.

 

Und als wäre das ganze nicht schon traurig genug, stehen sogar Gebäude leer, die die Stadt zum Pilgerort für Architekturliebhaber machen könnten. Zwischen 1986 und 2001 sanierte, erweiterte und baute der Architekt Helmut Riemann im Auftrag der örtlichen Sparkasse insgesamt 20 Häuser in Ostfriesland: In Emden und Marienhafe, in Hage, auf Juist und eben vor allem in Norden. Allein im Neuen Weg sind es 12.  Das ist recht beeindruckend. Aber noch beeindruckender ist die Liebe zum Detail, der Erhalt des Individuellen, die Verbindung aus alt und neu.

 

Der Gulfhof

 

All diese Veränderungen machen natürlich auch nicht vor den Gulfhöfen halt. Verstreut liegen sie in der ostfriesischen Landschaft und prägen das Bild der Region für mich mehr als alle anderen Bauwerke. Diese Bauernhäuser sind im 16. Jahrhundert aufgekommen und vereinen alles unter einem Dach: Im kleineren Vorderhaus ist der Wohntrakt an den sich der große Bereich für Stall und Scheune unter einem tief heruntergezogenen Dach anschließt.

Ostfriesischer Gulfhof

Auf einer meiner Radtouren bin ich an diesem Prachtexemplar vorbeigekommen. Leider weiß ich nicht mehr genau, wo es war. Ich vermute irgendwo in der Nähe von Holtriem. Ob es ihn noch gibt? Viele Gulfhöfe verfallen ja einfach. Wobei zum Glück inzwischen auch einige unter Denkmalschutz stehen. Andere wiederum werden weiterhin als Bauernhöfe betrieben oder wurden zu Ferienunterkünften umfunktioniert. Ganz hoffnungslos ist die Situation immerhin nicht.

 

Burgen und Schlösser

 

Oh ja, auch Burgen und Schlösser gibt es in Ostfriesland. Sogar ziemlich viele. Manchmal sind sie so klein und unauffällig und versteckt, dass sie leicht zu übersehen sind. Und gerade das macht sie so charmant. Auch wenn sie im Vergleich zu Neuschwanstein oder zur Burg Hohenzollern bescheiden erscheinen, wurden sie im Mittelalter von den Reichsten und Mächtigsten der Region bewohnt - den Hovetlingen, den Häuptlingen. Und diese Gebäude wurden nicht einfach Burgen und Schlösser genannt, sondern Herrlichkeiten.

 

Im Laufe der Jahrhunderte haben auch sie einige Veränderungen mitgemacht: Das Auricher Schloss ist Sitz des Land- und Amtsgerichts; das Schloss in Jever ein Museum; die Manningaburg in Pewsum Standesamt. Und das Wasserschloss in Dornum, die Norderburg, ist seit den 1950ern  eine Realschule.  Besichtigt werden kann der Rittersaal, außerdem werden Ausstellungen und Märkte veranstaltet, so dass jeder etwas von diesem Gebäude hat. 

 

Versteckt hinter Bäumen, steht die Burg Berum. Anfang des  es 14. Jahrhunderts erbaut, wurde die Burg im Laufe des  16. und 17. Jahrhunderts  zum Renaissance-Schloss erweitert.  Doch Schulden und  die immensen Kosten, um die Burg in Stand zu halten, führten 1764  zum Abriss vieler Gebäude. Von der einstigen Pracht ist inzwischen leider nur noch die Vorburg erhalten -ein langgezogener Backsteinbau mit Turm und Tordurchgang ist erhalten geblieben. Inzwischen ist die Burg ein Gästehaus.

Die Burg Berum in Ostfriesland - heute ein Gästehaus

 

Leben im Moor

 

Ganz und gar nicht prächtig lebten die ersten Siedler, die Mitte des 18. Jahrhunderts das Moor kultivieren sollten. Was im Moormuseum recht idyllisch aussieht, muss damals schier unerträglich gewesen sein. Auf engstem Raum lebten viel zu viele Menschen unter ärmlichsten Bedingungen zusammen.

 

Zum Hausbau nutzten sie, was die Natur bot. Anfangs wohnten sie in winzigen Hütten. Diese bauten sie aus Plaggen, den ausgestochenen Stücken der obersten Schicht des Moores. Sumpfig und somit viel zu nass zum Graben, dauerte es Jahrzehnte, bis sie an die Lehmschicht kamen, um sich Hütten aus diesem Material zu bauen. Für die Dächer wurden Roggenstroh und Reet genutzt - beides damals en masse vorhanden. Steinhäuser entstanden erst nach Fertigstellung des Kanals, der zur Entwässerung des Moors über 100 Jahre nach der Besiedlung gegraben wurde.

Architektur erzählt nicht immer die schönsten Geschichten. Aber es ist spannend, faszinierend und lehrreich, was ein einzelnes Gebäude mitteilt. Und: Eine solche Geschichte findet sich sogar im Guinness-Buch der Rekorde - der schiefste Turm der Welt ist nämlich in Suurhusen.


* Brandt, Jan: Der Fall des Hauses meines Urgroßvaters. Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung,   26. März 2017, Nr. 12. Seite 51.


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Kommentare: 2
  • #1

    Marion (Dienstag, 04 Juli 2017 22:19)

    Du hattest wieder einen tollen fotografischen Blick - bin ganz begeistert �

  • #2

    Krummlinig (Donnerstag, 06 Juli 2017 09:53)

    Freut mich sehr, dass dir die Fotos gefallen!!!