TRAUMORTE - EINER DAVON IST NIERSTEIN

So lebens- und liebenswert manche Ecken im urbanen Rhein-Main Gebiet auch sind, es ist schon ziemlich hektisch, laut und voll. Wenn mir dann zuweilen all der Lärm über den Kopf wächst, dann  gibt es zum Glück einige Orte, die nicht weit weg sind und mich wieder durchatmen lassen. Einer dieser idyllischen Orte ist Nierstein - keine 30 Kilometer von Darmstadt entfernt; knuffig, malerisch und meine kleine Auszeit für alle Sinne und zu jeder Jahreszeit.

Die beginnt sogar schon, bevor ich überhaupt in Nierstein ankomme. Fähre fahren ist angesagt. Es sind zwar nur wenige Minuten bis zur anderen Rheinseite, aber die reichen bereits, um den Alltag ruhen zu lassen. Die An-/Ablegestelle ist in Kornsand. Ein Imbiss an den Naturdenkmälern lockt reihenweise Rennrad- und Motorradfahrer an, was eine ziemlich interessante Kombi ist, die aber dort - bei Pommes, Würstchen, Kaltgetränk - irgendwie zu funktionieren scheint.

 

Bei den Naturdenkmälern handelt es sich um drei Bäume: zwei Kastanien,  zwischen denen äußerst malerisch Stufen hinunter zum Fluss führen, und eine Platane. Sie hat einen Stamm für den man bestimmt zu fünft sein müsste, um ihn zu umarmen. Begehbar ist er auch, wie in manchen Bilderbüchern, nur dass die Tür fehlt. So faszinierend das ist, dem Baum wurde das im Herbst 2017 fast zum Verhängnis. Er brannte. Die Feuerwehr löschte. Wie das Feuer entstand ist Spekulation. Als Auslöser wird eine brennende Zigarette vermutet. Wenn man es nicht weiß, würde man nicht vermuten, was die Platane alles mitgemacht hat, denn von alle dem ist ihr nichts anzusehen.

 

Jetzt aber - auf geht's nach Nierstein !

Die Fähre nach Nierstein ist keine reine Personenfähre; Räder und Autos dürfen mit. Auf der anderen Rheinseite angekommen, lässt sich am Fluss entlanglaufen - links geht es nach Oppenheim, rechts auf der mit Lichterketten und Blumenkübeln geschmückten Promenade nach Nierstein. Die Promenade verläuft direkt neben der Bundesstraße B9, wie es in so vielen Städten auf dieser Rheinseite üblich ist. Hinzukommt noch die Bahntrasse, die etwas oberhalb der Straße entlangführt; wer im Zug sitzt, ist sicherlich auf einer der schönsten Strecken Deutschlands unterwegs , während er auf Burgen und Städchen am Fluß blickt. Für die Anwohner des Rheintals ist es wohl eher Fluch und Segen zugleich.

 

Mein kleiner Traumort Nierstein wird dadurch nicht geschmälert oder geschwächt. Klar, schöner wäre es ohne und leise geht auch anders, aber was gut ist: Sobald die Straße überquert, wenige Schritte in einer Seitenstraße gegangen sind und die Bahnbrücke untergangen - spätestens dann ist man den kleinen Häuschen, den Weinranken, die von Haus zu Haus und entlang von Fassaden klettern, verfallen. Farbenfrohe Architektur, Fachwerk, Vorgärten, die den Namen verdienen, Fensterläden, die selbst dem unscheinbarsten Haus Charme verleihen, strahlen eine Leichtigkeit aus, wie sie wohl nur in Weinanbaugebieten möglich ist.

 

Die Winzer bieten in den Straußwirtschaften ihre Weine und kleine Leckereien an. Vegetarische Gerichte sind nicht in allen stark vertreten, eine schöne Auswahl gibt es aber im Weingut Reichert. Eins meiner Lieblingscafés ist auch in Nierstein: Erni und Illy. Innen sitzt man in gemütlich hellem Ambiente mit gut durchdachten Schnickschnack. Außen auf dem tollen Marktplatz, der durch einen prächtigen alten Baum und die Geselligkeit weiterer Lokale geprägt ist, die gemeinsam südländisches Lebensgefühl nach Rheinhessen bringen.

 

Nostalgisch, schnuckelig, lebensfroh - so empfinde ich die Stadt in der etwas mehr als 8.000 Menschen leben. Nierstein wirbt immer gerne mit seinem Glockenspiel am Weingut St. Urbanshof (hab' ich nur mal aus der Ferne gehört, dafür im Weingut gemütlich in rot-weiß-karrierter Bettwäsche übernachtet), mit dem Roten Hang (roter Ton-Sandstein auf dem Riesling angebaut wird; da will ich noch hin) und seinen vielen Veranstaltungen (bis jetzt erlebt: Weihnachtsmarkt auf dem Marktplatz - herrlich, vor allem der tolle Glühwein, da merkt man das Weinanbaugebiet - und das nostalgische Parklichterfest mit unzähligen Kerzen, Live-Musik, Tanzfläche und kurzweiligen Veranstaltungen der Vereine).  Und es gibt sogar eine ehemalige römische Badehalle. Auf das Sironabad bin ich während einer meiner Streifzüge durch die Stadt gestoßen. Es liegt versteckt hinter dem China Restaurant,  an der Bundessträße und in der Nähe vom Fähranleger. Mit einer Besichtigung hat es bisher nicht geklappt, ist aber von Mai bis Oktober jeden zweiten Sonntag im Monat möglich und ich hoffe, dass ich es bei einem meiner nächsten Besuche hinbekomme.

 

Über die Weinberge nach Oppenheim

Ein schöner kleiner Ausflug im Ausflug ist auch ein Spaziergang oder eine Radtour über die Weinberge nach Oppenheim. Auf dem Weg in die Wein- und Festspielstadt, wie sich Oppenheim nennt,  lohnt sich ein Abstecher zur Burgruine Landskron samt schöner Aus- und Weitsicht. Die Burgruine ist außerdem Freilichtkulisse für die Oppenheimer Festspiele. Von dort ist es nicht mehr weit hinunter in die Stadt, die von der Katharinenkirche dominiert wird. Malerische Gassen, ein beschaulicher Marktplatz, haufenweise Lokale, gleichzeitig aber leider auch viel Leerstand. Das ist  sehr schade, denn Oppenheim hat viel Charme und Besuchern nicht nur Wein zu bieten, über dessen Anbau das Deutsche Weinbaumuseum informiert, sondern bietet auch Führungen durch zwei Kellerlabyrinthe an. 

 

Um zurück nach Nierstein zu kommen, gibt es verschiedene Möglichkeiten. Jede der Strecken ist etwa vier Kilometer lang. Die eine ist am Rhein - das würde ich jetzt allerdings nur noch mit dem Rad machen und wenn ich in Zeitnot bin (die Bundesstraße halt...). Geruhsamer ist es den gleichen Weg wieder über die Weinberge zu nehmen oder entlang der Mainzer Straße. Wer gerne Häuser guckt, bekommt auf der Straße einiges zu sehen. Sie verläuft parallel oberhalb der B9 und führt direkt zum Sironabad, das am Ortseingang liegt und von wo aus es zum Marktplatz nur noch knapp zwei Kilometer sind. Schlussendlich ist es aber ganz egal, ob man sich für ein Stück am Fluss entlang oder für  die Strecke durch  die Wohnviertel entscheidet - mein kleiner Traumort ist zum Glück kein Hirngespinst, sondern Wirklichkeit.


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