VOM GARTENGLÜCK AUF HIDDENSEE

Biddens an Gartenzaun auf der Insel Hiddensee

Dass Asta Nielsen und ich etwas gemeinsam haben könnten, daran hätte ich nie gedacht. Die dänische Stummfilmdiva hatte ein Haus auf Hiddensee. Das "Karusel", das runde Haus in Vitte, gebaut von Max Taut. Im Juni 1929 bekommt sie Besuch von Joachim Ringelnatz und seiner Frau. Weder Haus noch prominenten Besuch gibt es für mich auf Hiddensee. Aber ein Gartengefühl, das ich mit ihr teile.

Voller Vorfreude auf Ringelnatz Besuch, schreibt Nielsen in ihr Tagebuch wie sie anfing "die Erde um das Haus von Steinen zu reinigen, es ist eine Riesenarbeit, aber alles soll recht freundlich sein, wenn sie kommen, wir wollen Gras sähen, und mir ist die Idee gekommen, einen Garten zu machen, wo nur Bäume wachsen sollen, die unsere Freunde einpflanzen." Ringelnatz' brachten einen kleinen Baum und am nächsten Tag gingen die Gastgeber zum Strand, während im Garten "etwas Großes geschehen sollte".

 

"Wer schilderte unseren Schrecken, als wir mittags zurückkehrten. Unser reizender Grassgarten war völlig vernichtet. Es war dem Ehepaar geglückt, alle (und noch mehrere) von uns mit großer Mühe weggebrachten Steinen wieder in den Garten zu schleppten, Steinhaufen thronten zwischen gähnenden Löchern, steinerne Wege liefen wie Schnittwunden über das junge Grass, unser geliebter Garten sah aus wie ein Stückchen Erdbeben", schreibt Nielsen. 

So war das für die Schauspielerin. Meine Gartenvorstellungen in der Mietwohnungen waren bescheidener. Ich kaufte, was die Inselmärkte hergaben, setzte mich mit Wind, Sonne und Schatten auseinander und freute mich, wenn alles anging, es rund um die Wohnung ein wenig bunter wurde und Insekten zu Besuch kamen. Dann kam dieser eine Tag - genauer, diese wenigen Sekunden.

Gepflanzt hatte ich: Grassnelke in weiß (meist rosablühend in der Heide, am Wegesrand und auf Wiesen der Insel zu sehen), Bidens für 20 Cent das Stück (was für ein verrückter Preis! Sie sind so dankbar und wachsen wunderbar) und eine Weihrauchpflanze (in der Hoffnung, von Schnakenstichen verschont zu bleiben). Weiter hinten versteckt und noch im Wachstumsprozess Steinkraut, weißblühend. Noch zwei, drei Tage nach Entstehung des Fotos und der kleine Sitzplatz vorm Haus wäre im schönsten Blühmoment gewesen, da gerade haufenweise typische Wildpflanzen der Insel, die ich leider immer noch nicht mit Namen kenne, kurz vorm Durchbruch standen. Aber es kam anders. Ich konnte gar nicht so schnell gucken geschweige reagieren. Es wurde auf einmal laut, schrecklich laut und als ich zum Fenster ging, war es schon zu spät. Ein Rasenmäher machte alles platt, was unscheinbar wirkte. Für den einen sind es Wildkräuter; für den anderen einfach nur Unkraut. Was für ein Schreck.

Nachdem kurzer Prozess gemacht wurde, schloss ich mich an. Ich pflanzte um. Alle Pflänzchen, die unscheinbar wirkten, kamen in den Steinstreifen seitlich am Haus. Dort hatte ich bereits lilablühendes Steinkraut, Husarenknöpfchen und Brachycome eingesetzt; weggemäht wurde nur der Löwenzahn, was ihm ja nichts ausmacht. Unverdrossen sprießt er schon wieder und es ist nur eine Frage der Zeit, bis die nächste Mäh-Aktion ansteht. Aber dieses Mal sind wir gewappnet.

PS: Ich weiß nicht, ob Asta Nielsen ihren Baum-Garten je bekommen hat oder ob sie nach ihren Erfahrungen mit Ringelnatz von ihrer Idee Abschied genommen hat. So sieht er jedenfalls jetzt aus.


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